Ursprung der Liliputbahnen 1928

Die deutsche Lokomotivfabrik Krauss in München entwickelte im Jahr 1923 ein außergewöhnliches und in dieser Form bis dahin einzigartiges Projekt. Dabei handelte es sich um den Bau dreier Pacific-Lokomotiven, wie sie für die Bespannung der hochwertigen Schnellzüge der damaligen Zeit vorgesehen waren, die sich jedoch in einer Besonderheit von jeder Lokomotive dieser Gattung unterschieden. Die Lokomotiven sollten nur ein Drittel der Größe ihrer größeren Geschwister aufweisen, sollten aber dennoch in Qualität, Perfektion und Leistungsfähigkeit den normalspurigen Loks in nichts nachstehen und auch längere Personenzüge mit Geschwindigkeiten von bis zu 30 km/h ziehen können.

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Dieses Bild veranschaulicht deutlich den Maßstab von 1:3 der Liliputlokomotiven von
(Archiv Krauss Maffai. Sammlung Jordi Comella)

Der Oberingenieur der Feldbahnabteilung der Firma Krauss, Roland Martens, widmete sich diesem Projekt mit großer Sorgfalt. Hinsichtlich der sehr speziellen Anforderungen der Baugröße bediente er sich auch der Erfahrungen des englischen Ingenieurs Henry Greenly, um so die Aufwendungen für die Entwicklung der Loks im Rahmen zu halten. Die Engländer besaßen zu diesem Zeitpunkt bereits praktische Erfahrungen und Ergebnisse im Bereich der Miniatureisenbahnen. Sir Arthur Heywood, ein englischer Aristokrat und gleichermaßen Technikbegeisterter, hatte im Jahr 1874 hierfür die Basis geschaffen, als er die erste Miniatureisenbahn der Welt auf seinem Grundstück in Betrieb nahm. Er befand die Spurweite von 15 Zoll dabei als äußerst geeignet für Duffield Bank Railway und entwickelte einen bis heute noch in Teilen existierenden Fahrzeugpark.

Eine weitere Besonderheit der Martenslokomotiven war die spurkranzlose Treibachse, die es erlaubte, Bogenradien von bis zu 20 Metern zu durchfahren. Die Achsen stützen sich über Halbschalenlager aus Bronze mit Weißmetallbeschichtung am Rahmen ab. Die Schmierung erfolgt über Dochtöler. Die Achsen können über Achsstellkeile eingestellt werden. Der gesamte Barrenrahmen ist aus Stahl gebaut. Die Lokomotiven sind mit einem Trocknungssystem für Nassdampf (Wärmetauscher/Überhitzer) ausgestattet, welches sich in der Rauchkammer befindet, mit einer Dampfbremse für die Lokomotive selbst und einer Vakuumbremse für den angehängten Zug und den Tender. Der Tender kann ebenfalls mit einer Handbremse abgebremst werden. Das Antriebssystem und die Bedienelemente entsprechen denen einer „großen“ Dampflok. Die robuste Konstruktion und die Qualität der wendeten Materialien haben es erlaubt, dass diese Lokomotiven bis heute in Betrieb stehen. Die Steuerung der Dampfverteilung erfolgt nach dem System Walschaerts (im deutschen Sprachgebrauch besser als Heusinger-Steuerung bekannt). Der Kessel einschließlich aller Armaturen wurde für 12 bar zugelassen und wurde mit der gleichen Sorgfalt konstruiert, wie der einer Vollbahnlokomotive. Es ist denkbar, dass jede der heute noch betriebsfähigen Liliputlokomotiven in ihren über 80 Betriebsjahren die 500.000 km weit überschritten hat.

Die Anfänge von 15-Zoll Parkeisenbahnen gehen nach England zurück, dort ließen wohlhabende Adelige in ihren ausgedehnten Parkanlagen Modelleisenbahnen im Maßstab 1:3 errichten und betrieben sie zum Vergnügen für die ganze Familie. Schnell schwappte dieser Boom von der Insel auf das Festland über und 1925 entwickelte die Münchner Lokbauschmiede Krauss & Co zusammen mit der Leipziger Bahnbaufirma Erich Brangsch, nach Plänen des Oberingenieurs Roland Martens die erste deutsche Einheits-Liliputlokomotive mit der Spurweite 381mm und der Achsfolge 2C1, angelehnt an die damalige neue Einheitslokomotiven der Deutschen Reichsbahn.

Die Liliputlokomotiven wurden das erste Mal bei der Deutschen Verkehrsausstellung in München (DEAV) präsentiert und chauffierten die Besucher in ihren offenen Wagenzügen durch das Ausstellungsgelände. Die Geschäftsleitung der Firma Bangsch sah in diesen Bahnen einen neuen Geschäftszweig und betrieb in den Folgejahren mit einem großen Lokomotiv- und Wagenpark viele Ausstellungs- und Parkeisenbahnen in Deutschland und Europa auf eigene Rechnung.